Nachdem ich nun wochenlang mein Blog vernachlässigt habe, ganz einfach weil ich für andere so viel schreiben musste, dass es mir irgendwann vor der Tastatur gegraut hat, hat sich die Lage jetzt wieder entspannt und ich möchte mit einer kleinen neuen Serie starten.
Es geht um Situationen, die ich die letzten Wochen rund um das Thema Social Media & Arbeitgeber (Marken) erlebt habe oder mir von Leuten aus meinem Netzwerk berichtet wurden. Diese wahren Geschichten spiegeln meiner Meinung nach viel deutlicher noch als alle Studien wider, in welchem Wandlungsprozess sich die Gesellschaft und auch die Unternehmen augenblicklich befinden.
Starten will ich diese kleine Reihe mit einer Erfahrung, die ich erst kürzlich gemacht habe:
Personalberater 1.0 sucht ‚Social Media Führungskraft‘
Vielen aus meinem Umfeld geht es da sicher nicht anders als mir: man wird immer häufiger von Personalberatern kontaktiert, die einem eine Position im Bereich Social Media anbieten, oder man wird gefragt, ob man nicht jemanden kennt, der für diese Position in Frage käme. Das allein, wäre also keine Geschichte wert, was mir aber neulich widerfahren ist, halte ich schon für erzählenswert.
Ich wurde über Xing von einer Personalberaterin kontaktiert, ob ich für ein Telefonat zur Verfügung stehen würde, es ginge um eine interessante Position als Leiter Social Media im Medienumfeld. Solchen Anfragen stimme ich, wenn ich Zeit habe, meistens zu. Warum?
- Weil ich gerade solche Gespräche nutzen kann, um die Anforderungen und Probleme meiner Kunden besser zu verstehen
- Weil solche realen Beispiele immer gut für unsere Seminare sind, die inzwischen auch gerne von Personalberatern gebucht werden
- Weil vielleicht doch einmal der absolute Traumjob angesegelt kommt, obwohl ich mein Freiberuflertum augenblicklich sehr schätze
- Weil ich einfach neugierig bin.
Ich habe mir also kurz die Website der Personalberatung angeschaut: das Unternehmen hatte erst kürzlich eine Auszeichnung bekommen, die es als Beratungsunternehmen ausweist, das mit Fokus auf die speziellen Bedürfnisse und Anforderungen des Mittelstands besonders professionell und kundenorientiert ist.
Gut habe mir gedacht, und der Dame ein Telefonat in der kommenden Woche vorgeschlagen. Am selben Tag noch kam eine Bestätigung zurück, die auch schon einen Link zur Website ihres Kunden beinhaltete. Fand ich zwar etwas früh, aber ich nutzte diese Info natürlich, um eine kurze Recherche über das Unternehmen durchzuführen.
Was ich vorfand hat mich ziemlich erschreckt. Nicht nur die Bewertungen auf Kununu waren schlecht, ich fand auch Diskussionen in Foren, die ziemlich deutlich machten, dass Wertschätzung der Mitarbeiter in diesem Unternehmen nicht sonderlich ernst genommen wird. Interessant war auch, dass sich in einem Forum kürzlich die Personalleitung und auch die Geschäftsleitung zu Wort gemeldet hatten. Zuerst einmal mit der Aussage: Glaubt ihr eigentlich, dass wir als Media Agentur nicht mitbekommen, was hier so geredet wird? Um dann auch die Feststellung zu treffen, dass die Konditionen für ihre Mitarbeiter nicht schlechter wären als in anderen Agenturen, somit also ok.
Vor ein paar Wochen gabs dann noch ein Posting vom Geschäftsführer: man solle doch den Dialog mit ihm direkt führen; Kontakt per Telefon. Eigentlich ja kein schlechtes Angebot. Ich hatte aber trotzdem das Gefühl, dass die Hauptintention dahinter war, diese Diskussion, die jetzt schon über 3 Jahre geht, endlich zu beenden.
Interessant ist auch, dass im selben Zeitraum, als sich das Unternehmen an der Diskussion beteiligte, die Bewertungen bei Kununu, die bisher meist zwischen 1,5 und 2 waren (höchste Wertung ist 5) plötzlich wie von Zauberhand auf 4 und darüber gesprungen sind. Nun ja, ich weiß, dass solche Bewertungen nicht immer objektiv sind, aber dieser Sprung macht misstrauisch, nicht gegen Kununu, um das gleich klar zu stellen, sondern gegen das Unternehmen, das vielleicht Mitarbeiter dazu anhält positiv auf Kununu oder anderen Arbeitgeberplattformen zu bewerten oder die Personalabteilung, die das dann kurz mal selbst in die Hand nimmt….
Einen dieser Links habe ich dann der Personal Beraterin vor dem Telefonat zukommen lassen, und nachgefragt, ob ihr Kunde ein Problem mit seiner Arbeitgebermarke hätte (ja, ja, ich konnte es mir nicht verkneifen…).
Das Telefonat, das wir dann führten, war eigentlich nett. Sie hat sich sehr bemüht mir das Phänomen ‚Social Media‘ zu erklären – aber man hat deutlich gespürt, dass sie in diesem Feld (noch) sehr unsicher ist. Blöd eigentlich, denn der Kunde erwartet ja eigentlich auch eine fachliche Vorselektion. Ein Gespräch auf Augenhöhe war das auch nicht, denn sie hat mir die Welt erklärt, in der ich eigentlich als Spezialist angeheuert werden soll….
Die genaue Erwartungshaltung ihres Kunden bzgl. dieser ‚Führungsposition‘, konnte sie mir nicht sagen, z.B.: ob es sich mehr um eine strategische oder operative Position handelt. Nur, dass ein eigenes Team aufgebaut werden soll, um bestehenden und auch neuen Kunden Zusatzservices im Social Media Umfeld zu bieten, weil das ja jetzt enorm nachgefragt wird. Welche Services das genau sein sollen, konnte sie mir nicht sagen.
Auf die Kultur des Unternehmens angesprochen, konnte sie mir lediglich versichern, dass es ein ‚tolles‘ Unternehmen wäre, in dem vor allem für Führungskräfte eine ‚super‘ Atmosphäre geboten wird.
Sie würde ja jetzt auch nur das Vorgespräch führen – ihr Chef würde mich gerne nochmals am Nachmittag kontaktieren. Ich willigte ein, um noch etwas mehr zu erfahren.
Nachmittags bekam ich dann den Anruf, von dem ich mir erhofft hatte, detailliertere Informationen zu bekommen. Interessant ist, dass ich mich nicht daran erinnern kann, jemals ein solches Telefonat geführt zu haben.
Es meldete sich also ein Mann mit einer sonoren Stimme, der mir sehr von oben herab suggerierte, was für ein Glück ich hätte, für diese ‚tolle‘ Position überhaupt in Betracht gezogen zu werden. Meine inhaltlichen Fragen zur Position konnte auch er mir allesamt nicht beantworten. Das einzige, was er mir sagen konnte war, dass man mit dieser Abteilung natürlich schnellstmöglich Geld verdienen will.
Er sagte mir, er wäre hauptsächlich dafür zuständig darauf zu schauen, ob man denn zum Kunden passt. Auch hier fragte ich nach den Kriterien. Er sagte mir, dass man auf keinen Fall Leute haben wolle, wie die, die sich da in irgendwelchen Foren im Internet beschweren und austauschen würden. Die Atmosphäre im Unternehmen wäre gut und die meisten Leute dort, wären sehr froh, dass sie in einem so tollen Unternehmen arbeiten dürften – aha!
An diesem Punkt war natürlich klar, dass wir hier nie zusammenkommen werden. Ich war also gespannt, wie er das Gespräch beenden würde. Er beendete es ganz klassisch: er fragte nach meinen Gehaltsvorstellungen. Ich konnte es mir nicht verkneifen zu sagen, dass mich seine Kollegin doch schon heute morgen danach gefragt hätte. Denn schon da hatte ich das Zucken am anderen Ende der Leitung bemerkt.
Er bat mich aber darum es ihm nochmals zu wiederholen. Ich nannte ihm Konditionen, die in diesem Umfeld durchaus üblich sind, wenn man eine neue Abteilung hochziehen soll, die auch relativ zügig Umsatz machen soll und Verantwortung für ein 10 – 15 köpfiges Team übernimmt.
Seine Reaktion war noch deutlicher, als ich es erwartet hatte: Er konnte sein hämisches Lachen nicht unterdrücken und stellte klar, dass man gar nicht mehr weiter reden muss. Mein Eindruck war, dass sein Angebot bei ungefähr der Hälfte lag. Auf meinen Einwand, dass es schwierig werden würde, für dieses Gehalt jemanden zu finden, der die erforderliche Erfahrung sowohl im Bereich Social Media als auch für den Aufbau eines Profitcenters mitbringt antwortete er, „was glauben Sie wieviel junge Leute, die in den sozialen Netzwerken zu Hause sind, nur auf so ein Angebot warten!“
Die Frage ist doch, ob diese jungen Leute auch das erwartete Geschäft generieren können. Falls nicht, sitzen sie nämlich spätestens nach einem Jahr auf der Straße. Beispiele dafür gibt es inzwischen genug – aber das habe ich dann nicht mehr angesprochen.
Hiermit war das Gespräch fast zu Ende – mir wollte er noch mitgeben, dass er sich nicht vorstellen könne, dass ein Arbeitgeber mit mir gut zusammenarbeiten könnte – ich hätte zwar einen tollen Lebenslauf mit beeindruckender Berufserfahrung, aber ich wäre viel zu vorlaut – nun gut.
Mein Fazit: Immer mehr Unternehmen suchen Social Media Manager, oder wie sie diese Position auch immer nennen möchten. Oft ist die Erwartungshaltung hoch, die genaue Zielsetzung unklar und am Budget und Gehalt wird gespart. Die Personalberater, die nach solchen Profilen suchen sollen, haben oft nur sehr wenig Kenntnis, was eine solche Person mitbringen muss. Mein Gesprächspartner wird auf der Firmen-Webpage als Spezialist für die Besetzung von Führungspositionen für Vertrieb & Marketing, also SALES vorgestellt – kein Wunder, dass wir aneinander vorbeigeredet haben.
Was mich ebenso bekümmert ist, dass diese Positionen meist noch überhaupt nicht strategisch gesehen werden, sondern eher eine Art Katalysatorwirkung für Vertrieb und Marketing erwartet wird.
Ich habe aus diesem Telefonat jedenfalls viel gelernt, demjenigen der diese Position übernimmt wünsche ich VIEL GLÜCK, denn das kann er/sie wirklich gut gebrauchen.